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Der Volksaufstand des 17. Juni 1953 und die Ereignisse in der Uckermark

Jürgen Theil – Prenzlau 

Gedenkveranstaltung am 17. Juni 2021

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Bürgermeister Herr Sommer,

werte Gäste,

wir sind heute am 17. Juni 2021 hier zusammengekommen, um an ein Ereignis zu erinnern, das auf den Tag genau 68 Jahre zurückliegt. Ein Ereignis aus der Zeit des Kalten Krieges und der Spaltung Deutschlands, das als erstes großes Aufbegehren gegen Unterdrückung, Verfolgung und Bevormundung in Osteuropa angesehen werden kann.

Während der 17. Juni in der Bundesrepublik Deutschland 36 Jahre lang als „Tag der Einheit“ begangen wurde, bezeichneten ihn die Machthaber in der DDR als „konterrevolutionären und faschistischen Putschversuch“, der vom Westen gesteuert wurde.  

Die von der SED dominierte DDR ist zu Beginn der 1950er Jahre in eine schwere Krise geraten. Misswirtschaft und Disproportionen in der Industrie sowie die restriktiven Maßnahmen der Regierung, die im Zusammenhang mit der 2. Parteikonferenz der SED (1952) zum „planmäßiger Aufbau des Sozialismus“ führen sollten, brachten eine nachhaltige Verschlechterung der ohnehin schon mangelhaften Versorgungslage, zu der auch die hohen Reparationsforderungen der Sowjetunion beigetragen hatten. Die Unzufriedenheit der Bevölkerung wuchs durch die Einführung der Normerhöhungen um 10 Prozent schließlich zu einer gewaltigen Protestbewegung an, die sich zu einem machtvollen Volksaufstand ausweitete, dessen Auswirkungen auch in der Stadt Prenzlau spürbar waren. Diese Entwicklung konnte auch der von der Sowjetunion verordnete „Neue Kurs“, der einen langsameren Weg zum Sozialismus vorschrieb, nicht mehr aufhalten.

Von August 1952 bis Ende Januar 1953 kam es im Kreis Prenzlau zu politisch motivierten Gerichtsverfahren gegen Bürger aus allen Schichten.  So wurde z. B. ein Bauer zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt und enteignet, weil er aus Krankheitsgründen das Soll nicht erfüllt hatte.

In Angermünde meinte ein SED-Genosse nach der 2. Parteikonferenz, auf der der planmäßige Aufbau des Sozialismus beschlossen wurde:

„Jetzt haben wir endlich die Diktatur des Proletariats. Wer jetzt nicht mitmacht, wird kurzerhand umgelegt. Auf den Tag habe ich schon lange gewartet.“

Immer mehr Werktätige flüchteten vor den ständig größer werdenden Repressalien in den Westen, wodurch sich die ohnehin schon prekäre Wirtschaftslage noch weiter verschlechterte.

Und dennoch wurde in einem internen Wirtschaftsbericht der Stadt Prenzlau eingeschätzt: „Zusammenfassend kann man sagen, dass die Steuermoral der Bevölkerung im Jahre 1952 gut war und die finanzielle Lage des Rates der Stadt gesichert und gesund ist.“

Doch selbst der Chef des Stabes des KVP in Prenzlau sprach im April 1953 von Versorgungsproblemen und einer großen Anzahl besonderer Vorkommnisse sowie zahlreicher unerlaubter Entfernungen von der Truppe.

Am 3. Juni 1953 berichtete dann die Prenzlauer Lokalzeitung über zwei Schauprozesse gegen die „Wirtschaftsverbrecher Otto Meißner und Hermann Schuhmacher“. Der Prenzlauer Gastwirt Meißner wurde zu sechs Jahren Zuchthaus und Vermögenseinziehung verurteilt, weil er u. a. 2500 DM nach West-Berlin ausführte, um dort eine Kühlschrankreparatur zu bezahlen. „In seinem Keller stapelte er Unmengen leerer Flaschen, statt diese an die Wirtschaft zurückzuführen.“

Der Prenzlauer Gastwirt Schuhmacher wurde wegen „Spekulation“ zu einer Haftstrafe von viereinhalb Jahren und Vermögenseinziehung verurteilt. „Im Jahre 1950 kaufte er von einem Siedler 20 Ztr. Kartoffeln ohne Bezugsberechtigung, die er für sein Geschäft verarbeiten ließ. Seit dem Jahre 1952 kaufte nun Schuhmacher von der Fischwirtschaftsgenossenschaft Prenzlau Aal zu HO-Preisen, ohne jedoch mit der HO einen Provisionsvertrag abgeschlossen zu haben. Dieser wurde in der Gastwirtschaft verarbeitet und billiger verkauft als in den HO-Gaststätten.“

Der Bäcker Hans-Georg Krage aus Nieden wurde verhaftet, weil er in Westberlin den Zündmagneten für sein Motorrad reparieren ließ. Das Urteil lautete ein Jahr und neun Monate Zuchthaus. Nach seiner Entlassung war auch er nach Westberlin geflüchtet, wo er am 17. Juni 1953 über das Radio vom Volksaufstand erfuhr.

Wenn man derartige Fälle als Wirtschaftsdelikte ahndete und öffentlich darüber berichtete, kann man sich vorstellen, wie groß die Angst in breiten Teilen der Bevölkerung vor dieser Willkür-Justiz gewesen sein muss.

Und dennoch versammelte sich am 9. März 1953 eine größere Menschenmenge auf dem mit Stalinbildern geschmückten Soldatenfriedhof am Ehrenmal im Stadtpark, um von dem wenige Tage zuvor verstorbenen Diktator Stalin Abschied zu nehmen.

Während bald darauf in Berlin und anderen Großstädten gegen die zuvor beschlossenen Normerhöhungen und die schlechte Versorgungslage gestreikt wurde, passierte in Prenzlau relativ wenig. Doch auch hier wurde am 17. Juni um 14 Uhr der Ausnahmezustand erklärt.

Gebannt verfolgten diejenigen, die die Möglichkeit dazu hatten, die Geschehnisse über das Radio bzw. den Sender RIAS. Ein Augenzeuge, der damals in Prenzlau als Zimmererlehrling bei der Bau-Union Nordost tätig war, erinnert sich noch sehr gut an die Ereignisse dieser Tage. Er arbeitete auf einer größeren Wohnungsbaustelle der im Aufbau befindlichen bewaffneten Organe in Prenzlau im so genannten Millionenviertel in der Angermünder Straße zusammen mit etwa 100 Arbeitern, die überwiegend aus südlichen Bezirken der Republik stammten. Es sei über die Forderungen der Arbeiter nach mehr Lohn und die Rücknahme der Arbeitsnormerhöhung diskutiert worden. Um ihren Forderungen mehr Nachdruck zu verleihen, gab es auch Arbeitsniederlegungen. Bald darauf wurden Strohballen angezündet. Schließlich wurde der Ausnahmezustand verkündet, dessen Einhaltung auch in Prenzlau durch die Sowjetarmee überwacht wurde. Es war verboten, mit mehr als drei Personen in einer Gruppe zu stehen oder die Wohnung von 20.00 Uhr bis 6.00 Uhr zu verlassen. Das Ausgangsverbot wurde strengstens von fahrenden Patrouillen der sowjetischen Besatzungstruppe überwacht, die mit Panzerspähwagen und Maschinengewehren ausgerüstet waren.

Gegen 19 Uhr hatten sich in Prenzlau 40 Arbeiter im Kulturraum der Bau-Union Nordost versammelt, um dort den Sender Rias zu hören. Als sich ihnen ein Abschnittsbevollmächtigter näherte, um das Radio einzuziehen, wurde er mit derben Worten und Androhung physischer Gewalt dazu aufgefordert, den Raum unverzüglich zu verlassen. Später wurde der Maurerbrigadier Alfred N. als Rädelsführer ermittelt und verhaftet.

Andere Bauarbeiter aus Prenzlau waren auf der Großbaustelle der Berliner Stalinallee eingesetzt. So auch der damals 17jährige A. R., der von 1953 bis 1954 als Maurer in Berlin arbeitete. Auf die Ereignisse von damals befragt schildert der Prenzlauer die Situation wie folgt:

„In meiner Brigade arbeiteten sechs Bauarbeiter, davon drei aus Prenzlau. Wir legten gemeinsam mit den anderen Bauarbeitern die Arbeit nieder und gingen durch die Friedrichstraße. Am Straßenrand waren sowjetische Panzer aufgefahren. Durch KVP- und Polizeieinheiten wurden wir von der Straße getrieben und verhaftet und zur S-Bahnstation (Zentralviehhof) gebracht, wo man uns zusammenpferchte, die Schnürsenkel und Gürtel abnahm und am nächsten Tag vernahm. Nachdem wir uns bereit erklärt hatten, wieder an die Arbeit zu gehen, wurden wir für drei Tage in Baracken am Alexanderplatz untergebracht, danach haben wir unsere Arbeit wieder aufgenommen.“

Vom 18. Juni bis 12. August 1953 waren auch KVP-Bereitschaftskräfte aus Prenzlau in Berlin im Einsatz. Viele von ihnen standen angesichts der spürbaren Ablehnung ihres Einsatzes unter enormen Druck. So wurden allein aus den Reihen der Bereitschaft Prenzlau vier Suizidversuche gemeldet, wie aus internen Unterlagen der KVP hervorgeht. In den letzten Einsatztagen flüchteten mehrere KVP-Angehörige nach West-Berlin. Die Prenzlauer Volkspolizei-Bereitschaft berichtet von einer Gemeinschaftsflucht eines ganzen Kommandos am Potsdamer Platz, darunter waren 24 KVP-Mitglieder aus Prenzlau.

Unruhen und Protestaktionen gab es in diesen Tagen auch auf den Dörfern des Kreises Prenzlau. So habe der  gemäß Artikel 6 der Verfassung zu zwei Jahren Haft verurteilte 22jährige Landarbeiter H. K. aus Eickstedt am 19. Juli 1953 die „volksdemokratische Ordnung angegriffen“ indem er Folgendes äußerte:

„Die Volkspolizisten sind Banditen und zu faul zum Arbeiten. Der Vorsitzende der LPG ist ein Lump und Verbrecher. Die Regierung der DDR besteht aus Bonzen, die die Arbeiter unterdrücken und ausbeuten. Wenn ein zweiter 17.6.1953 sich wiederholen würde, so würde er selbst einen Bauernaufstand organisieren.“

 

In der Stellungnahme zur Schuldfrage hieß es später:

Der Beschuldigte (…) wurde durch das Abhören der Radiohetzsendungen zum Gegner der Deutschen Demokratischen Republik. Er unterstützte die Anstrengungen der imperialistischen Kriegstreiber gegen das Lager der Demokratie und des Sozialismus einen Kampf zu führen, welcher in dem Ausbruch des III. Weltkrieges enden soll. Mit seinen Hetzreden versuchte er, die Bevölkerung und insbesondere die Bauern der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften gegen unsere demokratische Staatsmacht aufzuwiegeln. Seine Hetzreden sollten das Vertrauen der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik bei der Bevölkerung schmähen und den neuen Kurs, welchen unsere Regierung eingeschlagen hat, herabwürdigen. Er unterstützte die von amerikanischen Imperialisten in Deutschland am 17. Juni 1953 inszenierte Provokation, welche das Ziel verfolgte, unsere Regierung zu stürzen und die alten kapitalistischen Machtverhältnisse wieder herzustellen.“

Etwa zeitgleich berichtete das Neue Deutschland, das Zentralorgan der SED, über Anwerbungsversuche des amerikanischen Geheimdienstes in Prenzlau, wo die HO-Angestellte Edeltraut Jahn angeblich als Agentin angeworben werden sollte. Dies passte natürlich ins Bild, denn der Volksaufstand in der DDR war aus SED-Sicht natürlich ein konterrevolutionärer und faschistischer Putschversuch, der von ausländischen Agenten gesteuert wurde.

Ein Bauer aus Biesenbrow (Kreis Angermünde) forderte nach dem 17. Juni 1953 „(…) die Regierung (gehört) ins Zuchthaus. Ich verlange endlich freie Wahlen, wie sie in Westdeutschland durchgeführt werden und nicht solche Betrugswahlen wie in der Deutschen Demokratischen Republik.“

Ein großer Teil der Bevölkerung hatte jedoch nach dem 17. Juni 1953 schon resigniert und sich ins Privatleben zurückgezogen. Andere suchten den Ausweg in der Flucht. So gab es u. a. in der ersten Jahreshälfte 1954 insgesamt 162 Republikflüchtlinge im Kreis Prenzlau, von denen 45 aus der Stadt Prenzlau kamen.

Nach dem Stand der aktuellen Forschung gab es mindestens 55 Todesopfer, etwa 11.500 Inhaftierungen und mindestens sieben Todesurteile, die von sowjetischen Militärgerichten und DDR-Gerichten verhängt worden waren.

Nur wenige DDR-Bürger wagten nach der blutigen Niederschlagung des Volksaufstandes Aktionen gegen die Partei- und Staatsführung der DDR. Einer von ihnen war Werner Alfred Flach, der sich, wie viele andere auch, einen anderen Ausgang des 17. Juni gewünscht hatte. Die von ihm eingeleiteten mutigen Aktionen bezahlte er 1956 mit seinem Leben. Heute erinnert ein Gedenkstein im Plenarsaal der Kreisverwaltung an seinen Widerstand. 166 DDR-Bürger wurden zwischen 1949 und 1981 hingerichtet. Erst 1987 hob man in der DDR die Todesstrafe auf.

Von der Gründung der DDR im Oktober 1949 bis zur Grenzöffnung am 9. November 1989 verließen von rund 17 Millionen Einwohnern etwa 3,5 Millionen den ostdeutschen „Arbeiter- und Bauernstaat“. Doch nicht allen gelang die Flucht. Mindestens 140 von ihnen starben an der Berliner Mauer, 371 an der innerdeutschen Grenze und weitere 189 in der Ostsee. Die Fluchtbewegung, die auch als „Protest mit den Füßen“ bezeichnete wird, war eine Form des Widerstandes. Zu den 140 Maueropfern gehört auch der Prenzlauer Manfred Mäder, der gemeinsam mit seinem Freund René Groß erschossen wurde. Ein Staat, der seine Bürger durch Mauern, Mienenfelder und Stacheldraht halten muss, der auf fliehende Bürger schießen lässt und sein Volk durch politische Schauprozesse einschüchtern möchte, muss es sich gefallen lassen, als Unrechtsstaat bezeichnet zu werden.

Bei einer Rückschau auf den 17. Juni 1953 drängen sich zwangsläufig die Bilder der friedlichen Revolution von 1989 auf, wo glücklicher Weise keine Panzer zum Einsatz kamen. Mit Dankbarkeit und Ehrfurcht sollten wir die Erinnerung an den Widerstand in der DDR wachhalten, auch als Mahnung, dass sich Diktaturen, welcher Art auch immer, nicht wiederholen dürfen.

 

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